Hab dich nicht so — Medusa und die harmlose Belästigung

Zuerst: Du bist verunsichert.

Da war dieser Stalker, der schleimige Kollege, die Belästigung, gerade so unterschwellig, dass wir denken, es sei besser, gar nicht darauf zu reagieren.

Und schon aktiviert sich unser selbstzerstörerischer Impuls, antrainiert seit Tausenden von Jahren, und wir beginnen, alle Emotionen nach innen zu drehen:

Was hab ich falsch gemacht?
Übertreibe ich?
Projiziere ich?
Hab ich ihn ermutigt?
Darf ich mich nicht so wichtig nehmen?
Bin ich prüde, albern, kindisch, hysterisch?

Bilde ich mir das alles ein?

Wenn überhaupt, reagieren wir verspätet, schwächlich, unüberzeugend.
Lachen nervös. Erklären zu viel. Machen uns klein und unsichtbar.


Dann: Scham und Schuld in jeder Ecke.


Kontrahieren.

Vielleicht kennst du das: einen anderen Weg gehen, wegsehen, zu Boden sehen,
dein Lieblingscafé vermeiden, die Straßenseite wechseln, die Tür verrammeln, .

Erstarren, wenn wir etwas Wichtiges sagen wollen.

Schämen.

Und dann aktiviert sich unsere ganze alte Scham: Sitzt das T-Shirt, ist das Make-up verschmiert, wirke ich natürlich und ansprechbar, aber nicht zu laut, guckt irgendwo „was raus"?

Rieche ich frisch und sauber und nach fröhlichem grünen Obst?


Beschwichtigen.

Und überall die kollaborierenden Männer und vernünftigen Frauen,
die uns beschwichtigen, uns herablassend suggerieren,
da wäre doch gar nichts, da wäre doch weiter nichts passiert.


Die heimliche Wunde

Nach 15 Jahren sehen wir den Typen auf der Straße wieder und erstarren erneut.
Denn das alles hat 15 Jahre lang ungeheilt in uns weitergewirkt und uns langsam ausgesaugt und geschrumpft.

Vielleicht geht uns nun endlich die Galle hoch. Die gelbgrüne Galle, vermischt mit Blut und Eiter, die mörderische Wut — das ist der Medusa-Archetyp, die uralte Energie der Furien und Gorgonen.

Diese Energie wird seit jeher durch Unrecht und Respektlosigkeit aktiviert, und irgendwie klappt das bei uns nicht mehr so zuverlässig und vor allem so schnell, wie es notwendig wäre.

Erinnerung an Gefahr: Halt still, Weib!

Die blockierte Medusa weckt unsere alten Ängste. Wir fühlen uns nicht mehr sicher.

Die Treibjagd ist sc hließlich nicht neu. Sie war seit jeher überall. Früher oder später stöbert das Rudel uns auf.

Hier hilft kein „Sei doch vernünftig!" mehr.
Die Medusa hat sich erhoben und gegen uns selbst gerichtet. Alles wird zu Angst und Schrecken. Wir werden zu Stein oder zumindest ausnehmend machtlos.

Der Medusa Archetyp.

Die urzeitliche Göttin Medusa ist der ursprüngliche Überlebensreflex. Sie ist die Tochter der Kräfte des ursprünglichen Chaos, aus denen einst alles entstand. Sie ist schamlose Sinnlichkeit, Sex und Tod. Sie ist vollkommen rücksichtslos.

Sie geht über Leichen.

Sie ist dein Zugang zu den chthonischen Kräften von Chaos und Kreation. Medusa surft auf Tsunamis und lacht am Rand der Vulkane.

Die Rührstory


Dass Medusa, wie der Römer Ovid behauptet hat, eine liebliche Maid war, die vom bösen Poseidon vergewaltigt wurde, ist patriarchale Verniedlichung.

Wahrscheinlicher ist, dass Medusa den eingebildeten Gott der Meere in Ketten gelegt und ausgepeitscht hat, bis sein Blut aus Tausenden von Wunden in die Erde floss und zu giftigen Skorpionen wurde. Oder der neuzeitliche Gott lag zitternd am Boden und küsste die Füße der großen alten Gorgone.

Oder — das würde unsere Situation erklären — sie erstarrte sich selbst im Übermaß ihres Zornes.

Schlangen im Haar


Chtonische Göttinnen waren niemals lieblich, gefällig und tugendhaft.

Ganz und gar nicht. Sie waren nach Herzenslust grotesk, hässlich, wild und hatten giftige Schlangen als Haare.

Medusa ist Teil der dunklen unterirdischen Mächte. Eine der drei Gorgonen. Sie entstammt einer Ahnenlinie von Chaos und Magie, vor der die jüngeren olympischen Mächte, zu denen Poseidon gehört, erzittern mussten.

Die versuchte Zähmung der Medusa


Vergewaltigt. Enthauptet. Zumindest war das der Plan der Göttin Athene, der braven Kopfgeburt des jungen Patriarchats und unerbittlichen Feindin aller älteren und wilderen Göttinnen.
Athene hat sich danach sogar ein Bild der Medusa auf ihr Schild genagelt.

Welch kindische Hoffnung:

Das Überschäumen des aufkochenden Unterbewussten für alle Zeiten aufhalten zu können: Mit einer chtonischen Göttinnen als Talisman.

Wir dürfen sie fühlen, aber nicht sehen


Wenn Medusa sich in uns aktiviert, erleben wir dies als Ekstase und Raserei.

Die innere Medusa fühlt sich unfassbar an. Wild und frei.

Aber wer Medusa in die Augen sieht, erstarrt zu Stein, und keine wohlmeinende Beschwörung der patriarchalen Vernunft kann dies ändern.

Dieses Erstarren ist genau das, was klugen Frauen passiert, wenn die uralte Treibjagd des Patriarchats uns erwischt und ein halbkompetenter, eitler Gartenzwerg uns in die Ecke drängt.

Wir kennen unsere Rechte. Wir sind klüger. Wir denken erst einmal nach. Machen uns alles bewusst.
Und schon erstarren wir zu Stein.

Die Erstarrung

Was uns immer wieder erstarren lässt, ist die Begegnung mit der eigenen Medusa,
die aktiviert wird bei jeder Beleidigung unserer archaischen weiblichen Majestät.

Wir erstarren beim Anblick der Großen Mutter, die rasend ist vor Zorn und kein bisschen erschrocken.
Deshalb begegnen wir ihr in verschleierter Gestalt.
In der Dunkelheit oder im Spiegel.

Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
Den Einsamen die lebenlose Stille,
Die nun der Tritte hohler Wiederhall
In den geheimen Grüften unterbricht.
Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
Und furchtbar, wie ein gegenwärt'ger Gott,
Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
In ihrem langen Schleier die Gestalt.

(Das verschleierte Bildnis zu Sais)



Archetypen sollten verschleiert bleiben.

Wir sind sie. Es sollte daher einfach genug sein, unsere Medusa zu aktivieren. Die Kunst besteht darin, sie auszuhalten und nicht reflexartig zu rationalisieren.

Medusa will nicht analysiert werden.

(Die Kaiserin verrät nicht all ihre Geheimnisse.)

Aber wir können ihr begegnen und sie in uns fühlen.

Die Medusa Meditation

Unsere Medusa liegt seit 5000 Jahren leise schnarchend in ihrer Höhle, hat ab und zu kleine prämenstruelle Ausbrüche und wartet darauf, wieder in ihrer ganzen Gewaltsamkeit wirksam zu werden.

Geköpft zu werden hat sie einst überhaupt nicht beeindruckt.
Sie will auch nicht analysiert und verstanden werden.

Ihre Kraft wohnt nicht im Kopf. Das war eine Phantasie von Athene, der Schlaumeierin.

Im  Inanna Salon arbeiten wir regelmäßig mit archaischen Kräften und vergessenen Archetypen.

Aber Medusa will in allen Frauen zurückkehren. Wer sich traut, findet hier unten eine meditative Reise zur inneren Medusa.

Gratis Baby.


Christine Li Author

Creating Mythic Fiction & Feminine Initiation.

Christine Li traces the forgotten currents where ancient medicine and feminine myth become remembrance. In her Abalone Cycle about a Chinese healer, she restores the sacred dialogue between body, story, and soul.

http://christine-li.com
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